Freitag, 18. Juli 2008

Halka 3. Nikolauskirche

Hinter der Kirche waschen zwei junge Leute ihre Klamotten.
- Hola!
- Hola!

Sie kommt in die Kirche rein. Links Altar und ein paar Stühle, in der Mitte ein langer Esstisch, rechts Doppelbetten. Alles in einem langen, schmalen und hohen Raum. Gotische Kirche, zweifelsohne. Neben den Betten eine Wendeltreppe nach oben.
Keine freien Plätze.
Klar, um diese Zeit bekommt man nicht so einfach einen Platz. Kleine Herbergen sind schon ab Mittag voll.
Sie stellt ihren Rücksack neben der Tür ab. Auf der steinernen Fußbodenplatte ist ein kleines einfaches Labyrinth eingeritzt.

- Ich kann auch auf dem Fußboden schlafen.
- Ein Mönch schaut sie an. Wo hast du heute gestartet?
- Hornillos.
- 31 Kilometer.
Sie nickt mit dem Kopf.
- Setzt dich. Woher kommst du?
- Polen.
- Da seid ihr schon zwei.
Der Mönch zeigt mit dem Kopf an das Ende des Tisches, wo ein Mann Tomatensalat vorbereitet.
- Hola!
- Hola! Siadaj. Setzt dich. Zjesz ze mną? Willst du mitessen?
- Klar.
Er legt zwei Keramikteller auf den Tisch, stellt Brot und Wein daneben, und die Tomaten.
- Sehr biblisch, sagt Halka.
- Nicht so sehr, sagt er und lächelt. Ich ließ die Tomaten unterwegs, na, mitgehen.
- Wie heißt du?
- Henryk. Und du?
- Halka.
- Nein!
- Doch!
- Góralko, Halko, sagt er, lädt sofort zum Singen ein.
- Ich bin keine Góralka, ich komme aus Danzig.
- Macht nix, man kann nicht umhin.
Und dann singt er tatsächlich:
Góralko Halko, krasny leśny mój kwiecie
Tobie jednej na świecie powiem, co to jest żal
Choć serce kocha, jakaś dziwna tęsknota
Moje serce omota – spokój uleciał w dal
Przeszło lato hen, za wody
Inną poznał góral młody

-
Ja, sagt Halka, genau darum geht es.
- Worum?
- Dass er eine andere kennen gelernt hat.
- Wer?
- Na wer? Er. Dieser Góral aus dem Lied!
- Und was jetzt?
- Das weiß ich noch nicht. Zuerst geh ich. Da hat sogar das Nachdenken Zeit. Aber dann, irgendwann, bin ich am Ende, am Finisterre, und muss eine Entscheidung treffen.
- Was für eine?
- Ach was für eine? Wenn ich das wüsste… Entweder, oder.
Entweder oder, entweder oder. Der ganze Weg nur dafür, um es endlich zu wissen. Entweder, oder.

Der heilige Jakob

So viel wusste ich von ihm als ich auf den Weg ging: Jakobus der Ältere, Jakobus Maior, Jakobus der Große, Santiago, św. Jakub. Zusammen mit seinem Bruder Johannes gehört Jakobus neben Andreas und Simon Petrus zu den erstberufenen Jüngern. Sie nehmen im Neuen Testament eine besondere Stellung im Kreis der Jünger ein, weil Jesus sie an bedeutenden Ereignissen seines Lebens teilnehmen lässt. Jakobus ist zusammen mit Petrus und Johannes im Garten Getsemani bei Jesus und auch auf dem Berg der Verklärung, als Jesus mit Elija und Mose spricht. So wird er Zeuge der Verzweiflung Jesu angesichts seines bevorstehenden Leidensweges. Nach der Auferstehung befindet sich Jakobus mit den anderen Aposteln in Jerusalem. Er wurde während der Herrschaft des Herodes Agrippa I. (41-44 n. Chr.) mit dem Schwert enthauptet. Um Jakobus ranken sich, besonders in Spanien, zahlreiche Legenden, eine von ihnen grundlegend für den Jakobuskult in Santiago de Compostela. Nach dem Martyrertod des Apostels übergaben seine Jünger den Leichnam einem Schiff ohne Besatzung, das später in Galicien im Nordwesten Spaniens anlandete. Helfer setzten ihn weiter im Landesinneren bei. Dann geriet das Grab in Vergessenheit. Nach der Wiederentdeckung im 9. Jahrhundert wurde darüber eine Kapelle, später eine Kirche und schließlich die Kathedrale errichtet, um die herum sich der Pilgerort Santiago de Compostela entwickelte und zu der die Jakobswege führen.



Gelbe Pfeile


Ich gehe schon gute 20 Minuten in die falsche Richtung als mich jemand ruft und sagt, dass ich die gelben Pfeile beachten muss. Aha, danke. So lernt man. Jetzt beginnt es. Ich bin nicht mehr in der Stadt, die eine natürliche Umgebung eines Großstadtlers ist, jetzt bin ich in der Natur, wo auf mich all diese wilde Hunde und Bullen, und Schlangen gierig warten. Zuerst aber ist die Natur noch ziemlich gezähmt und ähnelt einem großen gepflegten Park um einen großen See herum voller Brombeerenbüschen und großen, grünen Kräuter. An einem Gitterzaun sehe ich das erste Mal die kleine Magie des Weges, aus zwei Zweigen gefertigte Kreuze, in den Zaun eingeflochten. Überall auf der Strecke ließen die Pilger kleine und große Spuren, Steinskulpturen, Kreuze, Votivgaben, Grafittis, Texte. Ich flechte mein Kreuz ein, zwei Stengel des Johanniskrauts - für Ania, gegen ihre Angst, dass sie vielleicht Krebs hat. Auf die Untersuchungergebnisse muss sie noch eine Woche warten... Am Rande des Parks sitzt in einer Holzbude ein Mönch in einer braunen Kutte. Offcio Marcelino heisst der Bretterverschlag, wo auf einem Tisch Apfel, Kekse und mit gelben Pfeilen bemalte Steine liegen. Auf die Wand gelehnt stehen Pilgerstäbe. Zu Mitnehmen. Ich nehme einen Apfel und einen Pilgerstab. Morgen nehme ich aus dem Rücksack meine Jakobsmuschel. Jetzt kann ich es, jetzt bin ich auf dem Weg.

Vom Weg

Mittwoch, 12. September.
Ich stehe um 6.00 Uhr auf. Waschen, Frühstück für Pilger vorbereitet - Kaffee, Brot, Margarine, Marmelade, Nutella. Ich bitte um einen Stempel, aber Stempel hatte diese nette Holänderin, die mich gestern reingelassen hatte. Heute sind sie nicht da, weder sie, noch der Stempel. Es soll meine erster Stempel im Pilgerpass sein, ich möchte nicht sofort verzichten. Ich gehe spazieren. Schaue mir die Jakobs-Kirche an. Aus den engen Gassen erscheinen die Pilger und gehen Richtung Westen. OK, also ich weiß, wo ich hin muß. Auf dem Kirchenplatz ein kleiner Labirynth, auf dem ich meine kleine Runde drehe. Ich gehe in die Herberge, wo man mich gestern nicht reingelassen hatte. Heute gehen aus dem Haus massenweiße Pilger aus. Im Flur der Herberge sitzt auf einer Bank eine überlebensgroße Figur von einem Pilger mit allen wichtigen Attributen: Pilgerstab, Hut, Jakobsmuschel. Ich bekomme meinen Stempel, kehre zurück zu meiner Herberge, packe die Sachen raus und gehe.
In der Stadt sieht man überall blaue Schilder mit Ikons eines Pilgers und einer Muschel. Das sind meine Wegweiser, die ich leicht erkennen kann, aber als ich aus der Stadt raus bin, sehe ich mich unbeholfen um. Keine Ahnung, wohin ich gehen muß. Ich habe keine Karte, keinen Reiseführer, nur einen Zettel, den ich in der Herberge gefunden habe. Daher weiß ich, dass mein Ziel für heute Najera ist. 25 Kilometer. Ja, Allah, 25 Kilometer, aber wohin?

Halka 2.

Der Weg nach unten ist zuerst ganz angenehm, aber die Sonne brennt wahnsinnig. So ist es hier im September, morgens fürchterlich kalt, kalt und dunkel, am Tage wahnsinnig heiß und kein Bisschen Schatten, nirgendwo.

Halka stürzt sich von einem Berge in den Abgrund. Und ich? ich wollte es doch anders, nicht vom Berge hinab sondern ins Meer rein. Halka lebte in der Tatra, ich am Meere. Halka, das Mädchen aus den Bergen, Halka, ein Fräulein des Meeres.

Das Fräulein stand am Meere
Und seufzte lang und bang,
Es rührte sie so sehre
der Sonnenuntergang.

Mein Fräulein! sein Sie munter,
Das ist ein altes Stück;
Hier vorne geht sie unter
und kehrt von hinten zurück.

Ich lächle mir selber zu. Das Gedicht stimmt mich immer lustig. Vor mir sehe ich zwei große Männergestalten und eine kleine Frau, die wie wild mit den Armen fuchtelt. Nach ein paar Tagen weiß man schon vom Weitem, wer vor einem auf dem Weg geht: zwei Schotten in Kilts, einer mit Gitarre, und Lidia, eine in den USA geborene Japanerin.

Die Nachmittagswanderung ist eigentlich viel schwieriger als vormittags, aber einen Vorteil hat es doch, nachmittags sind irgendwie bessere Leute unterwegs. Ich kann es nicht erklären, ich weiß auch nicht, was ich genau darunter verstehe, aber so ist es – wir sind irgendwie besser. Vielleicht, weil wir mehr Müdigkeit annehmen als diejenigen, die morgens aufstehen und um Mittag schon Halt machen. Ich werde heute zu dem nächsten Albergo erst kurz vor dem Sonnenuntergang kommen. Es wird mich so sehre rühren.

Auf dem Weg darf man nicht zu sehr herholen mit der Ironie, es kann immer passieren, dass sich der Spieß unerwartet umdreht und...

Okay, mich hat niemand geschwängert, aber sonst Halka, nichts wie Halka, ein Opfer aus dem Oper, ein Opfer schlechthin, einen schlechten Namen hast du dir ausgesucht, Fräulein! Vom Berge herunter ins blaue Meere hinein… Müde wie ein Hund geh´ ich an einer Kirche vorbei… Es stimmt etwas mit der Buchstabenzahl nicht dabei.

Unzufrieden mit meiner Dichterkunst und tatsächlich müde wie ein Hund halte ich an einer kleinen Kirche an. Albergo! Ich habe es nicht auf meiner Liste, aber hier ist es doch, ein Alberge di Peregrini. Wie schön! Und das noch vor Sonnenuntergang.

Mittwoch, 16. Juli 2008

Wilde Bullen, wilde Basken

Der 1. Tag, weiter

All die Monate, bevor ich nach Spanien flog, half mir nur der Gedanke über Santiago und Finisterre, mein Leben zu meistern. Ich glaube, mein Sohn und Er (dies wird sich mal klären, wer unter dem Begriff "Er" gemeint ist) spürten es. Mein Sohn mehr. Der Er konnte nur vermuten, dass es mit mir nicht alles OK ist, mein Sohn legte unheimliche Intuition am Tag. Er hat für mich die Flugkarte für den Rückflug bestellt und sie sogar bezahlt. Eines Tages fragte er mich, ob es sich bei meinem Vorhaben tatsächlich um eine Pilgerwanderung handelt und nicht um eine von meiner dummen Ideen? Ich versicherte, dass es eine Pilgerwanderung ist. Also ich muss nach Santiago kommen. Aber auch dann wäre es ein Betrug. Ich sitze im Bus nach Logrono. Eigentlich wollte ich nach Pamplona, aber es gab keine Buskarte nach Pamplona. Alles war ausverkauft. Ich holte meinen Pilgerpass aus und schaute mir andere Ortsnamen an. "Roncesevalles?", fragte ich die Frau am Schalter. "No tenda." Aha. "Puente la Reyna?" Die Brücke der Königin, schöner Name, wäre schön dort anzufangen. "No tenda," sagte die Frau und nahm mir den Pilgerpass aus der Hand. "Logrono" sagte sie und ich nickte mit dem Kopf. Deshalb sitze ich jetzt im Bus nach Logrono. Der Bus ist ziemlich luxuriös. Hat verdunkelte Scheiben und Klima-Anlage, Zeitung und TV am Bord, Wasserflaschen bei jedem Sitz. Irgendwann wird uns eine Stewardess das Abendbrot servieren. Im Bus reden nur die Frauen miteinander. Alle Männer schweigen.

Auf dem Weg warten auf mich Meuten herrenloser Hunde, wilde Bullen und Schlangen. Das wussten mir meine Freunde auf den Weg zu geben. In Logrono fand heute nacht eine ETA-Attentat statt. Wilde Bullen, wilde Basken...

O, du heiliger Jakob, was tue ich eigentlich?

Und jetzt Logrono. Es ist schon spät. 22.00 Uhr. Eine hübsche Stadt, romanische Kirchen und schöne Fin-de-Siecle-Strassen, breit, freundlich. Viel Licht, viele Blumen, Springbrunnen, Gaslaternen.

Zur Pilgerherberge kam ich wie auf einer Schnur gezogen, aber dann... Na ja, ich begann gerade, woher konnte ich wissen, dass die Herbergen um 22.00 Uhr gnadenlos geschlossen werden? Meine Unwissenheit hat mir aber letztendlich geholfen. Zuerst lief ich um die Gebäude herum und suchte vergeblich nach einen anderen Eingang. Dann beschloss ich ein Stückchen weiter zu gehen, zur St. Jakob-Kirche. Sie war auch zu, aber auf der Tür fand ich einen Zettel, dass sich die Pilger bei der Sakrestei melden sollen. Und dann öffnet sich die Tür, eine Frau lädt mich ein und wundert sich auf Englisch, dass eine Pilgerin erst um 23.00 Uhr ankommt. Die kleine Kirchenherberge ist überfüllt, ich bekomme einen Schlafplatz auf dem Sofa im Büro. In der Kirche lauten die Glocken.
Gute Nacht.

Halka

- Halka, sagt Halka.
Sie sitzen auf dem Boden mit dem Rücken zur Kirchenmauer und essen Brot, Käse und Weintrauben.
- Sehr biblisch, sagt Halka, aber er versteht nicht, was sie damit meint.
Sie schaut ihn diskret an. Ein Zwerg, ein Zwerg mit gar nicht so schlecht aussehendem Gesicht. Aber der Rest!
- Was für ein Name ist es? fragt er.
- Meiner, faucht Halka.
Der Zwerg zuckt zurück.
- Entschuldige, entschuldige, ich wollte nur… weil es ein schwedisches Wort ist, es bedeutet gleiten, ausrutschen… oder auch bagatellisieren, dies scheint mir…
- Klug, brummt Halka. Schwedisch kannst du auch? Für einen Spanier gar nicht so gewöhnlich, oder?
O Gott, o Gott, wenn er mich nur ein kleines bisschen interessiert hätte, ganz kleines winziges bisschen, dann hätte ich ihn sogar gebrauchen können. Aber so ein Zwerg, mit Plauze und Glatze.
Sie wischt sich die Hände ums Gras ab und trinkt ein Schluck Wasser aus einer kleinen Plastikflasche.
Mir graut es bei dem bloßen Gedanken.
- Ich heiße Gomez, sagt er.
- De la Serna?
- Nein, Ortega y Domingo.
O Gott, o Gott… Aber wenn nicht er, wer dann? Es ist nicht so auf dem Weg, wie alle es letztens behaupten, dass hinter jeder Ecke eine kleine Affäre, gar eine Romanze oder mindestens ein Sexangebot wartet. Oder doch, nur bemerkt hab ich das nicht. Und ich brauche dringend eine kleine Affäre, gar eine Romanze oder mindestens ein Sexangebot. Aber mit dem Zwerg…
- Unterwäsche, sagt sie jetzt, Unterrock…
- Was?
- Mein Name, Halka bedeutet Unterrock, Pettitcoat…
- Nein.
- Doch.
- Keine Frau heißt Unterrock.
- Doch, wenn es Männer gibt, die auf Lenin Engels Marx Stalin hören, dann darf es auch Frauen geben, die Unterrock heißen.
Oder Prinzessin. Prinzessin wäre mir lieber, denkt sie jetzt. Sie hat schwarzes Haar wie Schneewittchen, ein rosa Kleid mit weißem Unterrock. So bin ich eben nur der Unterrock einer Prinzessin. Und habe nur einen Zwerg zur Verfügung.
Er schaut sie verletzt an.
Shit, das wollte ich nicht, vielleicht jetzt noch nicht. Aber moment mal, was will er, ich habe doch gar nichts gesagt.
- Ließt du jetzt meine Gedanken? fragt sie empört.
- Wie, Gedanken lesen?
Och, was für ein Idiot.

Er steht auf und geht. Das Dorf ist sehr klein, nur zwei Häuser, eine große Kirche, ein Anger und ein großes Wasserbecken mit einem Wasserhahn aus dem das Wasser leise plätschert. Auf der anderen Seite des Angers beginnt schon wieder das Meseta. Auf dem Feld stehen gerade und steif grüne Maisstengel. Am Wegesrand lugen immer noch schwarz getrocknete Sonnenblumen. Doch er findet dort zwei Pflanzen, die gelb blühen. Die bringt er ihr. Auf dem Meseta kann man nicht zu wählerisch sein. Das sieht sogar sie ein. Sie holt eine kleine Schere aus ihrem Rücksack, schneidet den Flaschenhals ab und steckt die Blumen rein.

- Halina, sagt sie jetzt gnädig, eigentlich heiße ich Halina, wie diese Gala, Galina, die Ehefrau von Éluard und Dali.
Aber er ist keiner, der sich für Éluard und Dali interessiert. Das sieht man ihm an.
- Jedenfalls, Halina klingt auf Polnisch total altmodisch. Und Halka ist eine… sie bricht ab, hat keine Lust, diese ziemlich lange Geschichte zu erzählen, weder auf Spanisch, was für sie verdammt mühsam wäre, noch auf Deutsch, wobei sie damit rechnen müsste, dass er sie nicht so ganz versteht. - Unwichtig.
Dann aber… sieh mal einer an…
- Sie hieß zwar Gala, aber auf Russisch hieß sie Jelena und nicht Halina oder Galina, sagt er jetzt.
Halka schaut ihn wieder an. Gar nicht so dumm. Ein bißl Klasse hat er doch.
- Was bist du eigentlich für einer? fragt sie ziemlich barsch.
- Drucktechniker, erwidert er. In einer Kunstdruckerei. In Figueres.
- Hab ich sehr gut getroffen, oder?
- Ja.

Die Sonne brennt gnadenlos. Halka schaut auf die Uhr. Noch eine halbe Stunde, dann wird jemand kommen und das Refugio aufmachen. Sie waren heute als eine der ersten da. Er meinte, dass er überhaupt der Erste war, als sie kam, saßen circa zehn Leute an der Mauer vor der Kirche, alle wie immer todmüde. Sie schaut erneut auf die Uhr. Eigentlich ist es noch sehr früh. Man kann ruhig weitergehen. Nun hat sie aber kein Wasser mehr, weil sie ihre Wasserflasche zu einer Blumenvase umfunktioniert hat. Und im Dorf gibt es gar nichts, keine Bar, keinen Laden, nichts, nur die Kirche, das Pilgerhostel und diese zwei Häuser.
Sie packt die Blumen unter die Rücksackklappe, schüttelt das Wasser aus und geht zum Brunnen. Sorgfältig wischt sie die Flasche ab, füllt sie zur Hälfte mit eiskaltem Wasser auf, stellt die Flasche auf die Mauer ab, wirft sich den Rücksack auf den Rücken, zieht die Riemen zurecht und nimmt die abgeschnittene Flasche in die Hand.
- Was machst du? fragt er.
- Ich geh.
- Ich geh mit dir…
- Nein, ich geh immer allein… ich brauch viel Zeit zum Nachdenken.

Und das stimmt. sie braucht verdammt viel Zeit zum Nachdenken. Man trägt einen Namen nicht von ungefähr. Und schon gar nicht, wenn man sich den Namen selbst ausgesucht hat. Halina wurde ihr als Name gegeben, Halka hat sie selber gewählt. Und nun? Was wusste sie darüber, als sie sich diesen Namen ausgesucht hat? Ein Lied, eine Oper mit einer berühmten Arie, „Es rauschen die Tannen auf dem Bergesgipfel“, szumią jodły na gór szczycie… eine Männer-Partie. Halka ist ein Goralenmädchen gewesen, eine liebende unglückliche junge Frau, geschwängert, verlassen, verraten, als Opfer geboren und als Opfer gestorben… Eine so banale Geschichte.

Der 1. Tag


Dienstag, 11. September 2007. Ich weiß nicht, weshalb, aber in meinem Heft habe ich den Tag als 9. September aufgeschrieben. Es ist aber sicher, dass es der 11. September ist. Weil alle sich gewundert haben, dass ich den Tag für meinen Flug nach Madrid gewählt habe. An dem Tag waren die Karten am billigsten. Vielleicht deshalb.

Nachts träumt es mir, dass ich nach Spanien ohne meiner Wanderschuhe gereist bin, nur in Stockelstiefel.
Ich gehe um 8.00 Uhr von Zuhause weg. In der Bonifatius-Kirche läuten die Glocken. Es ist Neumond.

In der U-Bahn vier ältere Frauen. Sie fahren zur Kur. Mit einem vorweg getroffenen Entscheidung: "Wir ärgern uns nicht, egal was kommt". Klingt wie eine Intention. Die muss ich auch mal laut sagen: Ich gehe nach Santiago di Compostela und dann nach Finisterre. Im Rucksack Ein Beutel Tabletten. Sie werden ins Meer wandern. Mit mir oder ohne mich. Heute weiß ich es gar nicht, obwohl im Laufe der Vorbereitungen hatte ich nur dieses Ziel vor Augen. Nach Finisterre kommen, ins Meer gehen, Hundert Tabletten schlucken... Wenn ich es nicht tun werde und nach Berlin zurück komme, dann werfe ich sie ins Meer. Kurzum, es ist nicht klar, was mit mir passieren wird, für die Tabletten dagegen steht ihre Schicksal schon fest bestimmt.
Seit vielen Tagen schleppe ich mich mit einer schrecklichen Erkältung mit. Irgendwie schaffe ich es, ich gehe ins Büro, arbeite erfülle meine Pflichten, lächle die Leute an. Wie falsch ich bin. Wenn ich es tatsächlich tun werde, da habe ich mir ziemlich teure Todesart ausgesucht.
Ich fahre mit dem Bus nach Logrono. Aus Logrono sind es genau 600 Kilometer nach Santiago. 700 nach Finisterre. In Logrono gab es gerade einen ETA-Attentat. Es ist immer noch Baskenland. Das heißt, ich beginne meine Wanderfahrt am 11. September am Tag eines Attentats im Baskenland.

Am Anfang...


... war das Wort: Santiago di Compostella. Es hat mich fasziniert. Santiago di Compostela. Der Heilige Jakob von den Sternenfelder, święty Jakub z Gwiezdnych Pól. Der Name muss hier auf Polnisch genannt werden, weil ich es mir natürlich auf Polnisch gedacht habe. Ich wuchs doch in Polen auf. Also ich wollte es immer. Und 2007, nach 40 Jahren, bin ich endlich gegangen. Am 4. Oktober kam ich an. Im Büro der Pilger habe ich meinen Pilgerpass vorgelegt und mir wurde die berühmte Compostela ausgestellt.