- Halka, sagt Halka.
Sie sitzen auf dem Boden mit dem Rücken zur Kirchenmauer und essen Brot, Käse und Weintrauben.
- Sehr biblisch, sagt Halka, aber er versteht nicht, was sie damit meint.
Sie schaut ihn diskret an. Ein Zwerg, ein Zwerg mit gar nicht so schlecht aussehendem Gesicht. Aber der Rest!
- Was für ein Name ist es? fragt er.
- Meiner, faucht Halka.
Der Zwerg zuckt zurück.
- Entschuldige, entschuldige, ich wollte nur… weil es ein schwedisches Wort ist, es bedeutet gleiten, ausrutschen… oder auch bagatellisieren, dies scheint mir…
- Klug, brummt Halka. Schwedisch kannst du auch? Für einen Spanier gar nicht so gewöhnlich, oder?
O Gott, o Gott, wenn er mich nur ein kleines bisschen interessiert hätte, ganz kleines winziges bisschen, dann hätte ich ihn sogar gebrauchen können. Aber so ein Zwerg, mit Plauze und Glatze.
Sie wischt sich die Hände ums Gras ab und trinkt ein Schluck Wasser aus einer kleinen Plastikflasche.
Mir graut es bei dem bloßen Gedanken.
- Ich heiße Gomez, sagt er.
- De la Serna?
- Nein, Ortega y Domingo.
O Gott, o Gott… Aber wenn nicht er, wer dann? Es ist nicht so auf dem Weg, wie alle es letztens behaupten, dass hinter jeder Ecke eine kleine Affäre, gar eine Romanze oder mindestens ein Sexangebot wartet. Oder doch, nur bemerkt hab ich das nicht. Und ich brauche dringend eine kleine Affäre, gar eine Romanze oder mindestens ein Sexangebot. Aber mit dem Zwerg…
- Unterwäsche, sagt sie jetzt, Unterrock…
- Was?
- Mein Name, Halka bedeutet Unterrock, Pettitcoat…
- Nein.
- Doch.
- Keine Frau heißt Unterrock.
- Doch, wenn es Männer gibt, die auf Lenin Engels Marx Stalin hören, dann darf es auch Frauen geben, die Unterrock heißen.
Oder Prinzessin. Prinzessin wäre mir lieber, denkt sie jetzt. Sie hat schwarzes Haar wie Schneewittchen, ein rosa Kleid mit weißem Unterrock. So bin ich eben nur der Unterrock einer Prinzessin. Und habe nur einen Zwerg zur Verfügung.
Er schaut sie verletzt an.
Shit, das wollte ich nicht, vielleicht jetzt noch nicht. Aber moment mal, was will er, ich habe doch gar nichts gesagt.
- Ließt du jetzt meine Gedanken? fragt sie empört.
- Wie, Gedanken lesen?
Och, was für ein Idiot.
Er steht auf und geht. Das Dorf ist sehr klein, nur zwei Häuser, eine große Kirche, ein Anger und ein großes Wasserbecken mit einem Wasserhahn aus dem das Wasser leise plätschert. Auf der anderen Seite des Angers beginnt schon wieder das Meseta. Auf dem Feld stehen gerade und steif grüne Maisstengel. Am Wegesrand lugen immer noch schwarz getrocknete Sonnenblumen. Doch er findet dort zwei Pflanzen, die gelb blühen. Die bringt er ihr. Auf dem Meseta kann man nicht zu wählerisch sein. Das sieht sogar sie ein. Sie holt eine kleine Schere aus ihrem Rücksack, schneidet den Flaschenhals ab und steckt die Blumen rein.
- Halina, sagt sie jetzt gnädig, eigentlich heiße ich Halina, wie diese Gala, Galina, die Ehefrau von Éluard und Dali.
Aber er ist keiner, der sich für Éluard und Dali interessiert. Das sieht man ihm an.
- Jedenfalls, Halina klingt auf Polnisch total altmodisch. Und Halka ist eine… sie bricht ab, hat keine Lust, diese ziemlich lange Geschichte zu erzählen, weder auf Spanisch, was für sie verdammt mühsam wäre, noch auf Deutsch, wobei sie damit rechnen müsste, dass er sie nicht so ganz versteht. - Unwichtig.
Dann aber… sieh mal einer an…
- Sie hieß zwar Gala, aber auf Russisch hieß sie Jelena und nicht Halina oder Galina, sagt er jetzt.Halka schaut ihn wieder an. Gar nicht so dumm. Ein bißl Klasse hat er doch.
- Was bist du eigentlich für einer? fragt sie ziemlich barsch. - Drucktechniker, erwidert er. In einer Kunstdruckerei. In Figueres.
- Hab ich sehr gut getroffen, oder?
- Ja.
Die Sonne brennt gnadenlos. Halka schaut auf die Uhr. Noch eine halbe Stunde, dann wird jemand kommen und das Refugio aufmachen. Sie waren heute als eine der ersten da. Er meinte, dass er überhaupt der Erste war, als sie kam, saßen circa zehn Leute an der Mauer vor der Kirche, alle wie immer todmüde. Sie schaut erneut auf die Uhr. Eigentlich ist es noch sehr früh. Man kann ruhig weitergehen. Nun hat sie aber kein Wasser mehr, weil sie ihre Wasserflasche zu einer Blumenvase umfunktioniert hat. Und im Dorf gibt es gar nichts, keine Bar, keinen Laden, nichts, nur die Kirche, das Pilgerhostel und diese zwei Häuser.
Sie packt die Blumen unter die Rücksackklappe, schüttelt das Wasser aus und geht zum Brunnen. Sorgfältig wischt sie die Flasche ab, füllt sie zur Hälfte mit eiskaltem Wasser auf, stellt die Flasche auf die Mauer ab, wirft sich den Rücksack auf den Rücken, zieht die Riemen zurecht und nimmt die abgeschnittene Flasche in die Hand.
- Was machst du? fragt er.
- Ich geh.
- Ich geh mit dir…
- Nein, ich geh immer allein… ich brauch viel Zeit zum Nachdenken.
Und das stimmt. sie braucht verdammt viel Zeit zum Nachdenken. Man trägt einen Namen nicht von ungefähr. Und schon gar nicht, wenn man sich den Namen selbst ausgesucht hat. Halina wurde ihr als Name gegeben, Halka hat sie selber gewählt. Und nun? Was wusste sie darüber, als sie sich diesen Namen ausgesucht hat? Ein Lied, eine Oper mit einer berühmten Arie, „Es rauschen die Tannen auf dem Bergesgipfel“, szumią jodły na gór szczycie… eine Männer-Partie. Halka ist ein Goralenmädchen gewesen, eine liebende unglückliche junge Frau, geschwängert, verlassen, verraten, als Opfer geboren und als Opfer gestorben… Eine so banale Geschichte.